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Die Warschauer
Brücke in Berlin Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass ich im Fernsehen
Einstellungen sehe, die von der Warschauer Brücke in Berlin gemacht werden.
Die Brücke an sich ist völlig unscheinbar. Erst recht, wenn man sie mit ihrem
Nachbarn, der Oberbaumbrücke gemeinsam sieht. Im Gegensatz zu dieser
überspannt die Warschauer Brücke auch nicht die Spree. Auch wird sie nicht
wie ihre Schwester von prominenten Gebäuden wie dem von Universal Music oder
Hafenanlagen umsäumt. Sie führt über eine Art Stadtschnellstraße der
Eisenbahn. Auf einem guten Dutzend Schienensträngen
verkehren in der südlichen Hälfte die Fern- und Regionalzüge, in der nördlichen die S-Bahn zwischen den
Stationen Ostkreuz und Ostbahnhof. Der dazugehörige S-Bahnhof Warschauer
Straße ist genau so heruntergekommen, wie das Gleisbett und die gleich
daneben befindlichen Werkstatthallen für die Nachtzüge der Deutschen Bahn.
Ansonsten wird der wüstenartige Eindruck dieser Stadtlandschaft durch die
Großbaustelle verstärkt, die auf der anderen Seite der Brücke eine
Eishockey-Arena hervorbringen soll. Die Warschauer Brücke erlaubt aber etwas, was in Städten
sonst nur von Hochhäusern aus möglich ist. Sieht man nach Westen, so eröffnet
sich ein nahezu ungestörter 180-Grad-Blick. Zur Rechten wird der Blicksektor
ganz am Rande durch eine Reihe Friedrichshainer Altbauten begrenzt, die
weiter entfernt in Staffeln von DDR-Plattenbauten im Bereich der Straße der
Pariser Kommune übergehen. Mittig führen die Gleise den Blick direkt auf die
Halle des Ostbahnhofs, der jedoch nicht dominant ist. Zur Linken ist einer
der wenigen Reste Berliner Mauer zu erspähen, mit bunten Grafittis bemalt
sind. Dieser Teil der alten Mauer trägt den Namen „East Side Gallery“
zurecht, denn hier geht es nicht um musealen Anspruch, sondern um Touristen
aus Osaka, Eindhoven und Esbjerg, die sich nicht daran stören, Mauergrafittis
auf der Ostseite der Mauer zu fotografieren, die sich dort noch nicht finden
konnten, als sie letzter Teil einer in Betrieb befindlichen und tödlichen Sperranlage
war. Dahinter gibt es noch ein wenig Kreuzberg zu erahnen. Steht man auf der Warschauer Brücke, richtet sich der
Blick unwillkürlich Richtung Westen und fixiert sich zunächst am Fernsehturm,
dessen runde Kugel leicht rechts ins Auge fällt. Während der flache
Gleiskörper in diesem Bild gemeinsam mit der Bücke eine x-Achse von links
nach rechts hergibt, stellt der Fernsehturm am Alexanderplatz eine y-Achse
dar. An vielen Tagen ist die Spitze des Turms von Wolken eingehüllt, manchmal
wird sie von ihnen umspielt, was einen sehr dynamischen Anblick abgibt. Ist
es völlig klar, so sind trotz der Entfernung alle Positions- und Warnlampen
des Turms zu erkennen und sogar die Beleuchtung des Turmrestaurants. Dieser Blick ist der umfassendste und am besten geordnete
Stadtblick den ich kenne. Er zeichnet sich durch eine ergreifende
Räumlichkeit aus. Fast jeder, der kein Trottel oder nicht permanent
gedankenversunken ist, kann das schon beim ersten Aufstieg von den
S-Bahnhöfen zur Warschauer Brücke erkennen. Durch seine klare, sofort zu
verinnerlichende Struktur, zeigt der Blick schon beim zweiten Gang auf die
Warschauer Brücke seine wirkliche Qualität. Denn der zweite Blick ist ein
völlig neues Erlebnis von Wolkenspiel, Tageszeit und Farben. Man glaubt bei offenem
Himmel ein unglaubliches Volumen zu sehen, manchmal sogar eine kurze
Atemlosigkeit zu spüren. Durchaus einige Passanten halten auf ihrem Weg inne, man
sieht Pärchen den Anblick diskutieren, gelassen aufs Brückengeländer gelehnt.
Manch einer beginnt nach einer gewissen Zeit, sich mehr auf Details zu
konzentrieren. So kann man schräg links die Kuppel vom Potsdamer Platz in
ihren wechselnden Farben sehen und den SAT.1-Ballon. Kinder beobachten gerne
die Rangierarbeiten an den Nachtzügen, die von einer alten, roten
DDR-Diesellok durchgeführt werden, die Ludmilla heißt, und hier einen
monotonen Dienst auf ihrem Altenteil versieht. Ganz links laufen in kurzen Abständen, aber in sehr langsamen Tempo die gelborangen Hochbahnzüge der
U-Bahn in einem schönen Klinkerbahnhof ein. Jeweils kurz darauf bewegt sich
ein Pulk von etwa hundert, fast ausnahmslos jungen Menschen auf den
Mittelpunkt der Warschauer Brücke zu. Dort wechselt ein Teil in die S-Bahn,
der andere geht nach Hause, nach Friedrichshain, wo ich wohne. Wenige sind
über 25, kaum jemand über 30. Zu erwähnen sind noch ein Kiosk vor dem
S-Bahnhof, sowie ein Snack- und ein Gemüsestand. Dazu eine Gruppe
Zeitschriftenwerber und einige Punks, die missmutig um Kleingeld betteln –
bis auf einen: Ein Schwarzer mit blond gefärbtem Afro, der meistens auf
Töpfen trommelt und als einziger Punk Berlins immer lächelt. Als ich im Februar nach Berlin kam, nahm mich dieser Blick
sogleich gefangen. Ich vergleiche seitdem Tag für Tag, Morgen für Morgen und
Abend für Abend. Zu Beginn meiner Berliner Zeit fühlte ich mich dort wie
frisch verliebt. Ich hätte Berlin am liebsten gefickt. Jetzt hat sich dieses Herzrasen etwas gelegt. Der Blick
gibt mir nicht mehr die Aufregung wie im letzten Winter und Frühjahr. Durch
seinen täglichen Wechsel aber, durch das immer Neue, hat er mein Verhältnis
zu Berlin zu einer soliden Ehe gemacht, in der man weiß, dass der Kick des
Anfangs nie mehr wiederkehren, aber immer wieder aufschillern wird und dass
es sich darum lohnt. Nichts zum Ausruhen hier. Aber ein fairer Deal zwischen
Stadt und Bewohnern: Do ut des. © 2004 pozor!
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Warschauer |
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2004ãpozor! |
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