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Nataša  

(oder der Wert des Fremden in der Fremdsprache)

 

Als ich ein Junge war, so etwa im Grundschulalter, durfte ich häufig mit meinen Eltern in den Italiener um die Ecke. Ich bin immer gerne mitgegangen. Unser Freundeskreis bestand aus Studenten, alle Anfang zwanzig, die in den verschiedensten Städten studierten und am Wochenende nach Darmstadt kamen, um die aufregenden Ereignisse der vergangenen Woche auszutauschen. Das vermute ich jedenfalls. An Einzelheiten kann ich mich nicht erin­nern.

Für mich war nur entscheidend, dass wir Essen gingen, was in den Elternhäusern meiner Klassenkameraden eher die Aus­nah­me war. Überdies fanden mich alle sehr süß, natürlich auch die italienischen Kellner. Das tat meiner Seele gut. Und von meinem Fußballverein SV Darmstadt 98 hing ein Mannschaftsphoto über der Theke des Riviera. Künstler gingen dort ein und aus und ich bemerkte, dass es meinen Eltern und ihren Freunden gefiel, den einen oder anderen davon persönlich zu kennen.

Die größte innere Befriedigung zog ich jedoch aus dem Umstand, nach acht noch wach sein zu dürfen. Ich störte die Erwachsenen auch nicht besonders. Nach kleinen Kalbschnitzeln in Zitronensauce mit Pommes Frites und Salat überkam mich regelmäßig große Müdigkeit. Ich legte meinen Kopf auf den Schoß meiner Mutter und fiel in eine Art Halbschlaf.

Meine Mutter war wohl sehr kommunikativ. Was sie so sprach, bekam ich nicht wirklich mit. Wahrscheinlich verstand ich sowieso nicht, um was es ging. Vermutlich um die Rolle der Frau in der modernen kapitalistischen Gesellschaft oder darum, wer es gerade mit wem treibt. Jedenfalls war Fußball kein Thema, sonst hätte ich mich eingeschaltet. Dafür erreichten mich aber die Schwingungen ihrer Worte, die sich von ihrem Bauch auf meinen Kopf übertrugen und mich in eine Art angenehmer Trance versetzten.

Es dauerte etwa dreißig Jahre, bis ich dieses Gefühl erneut erleben durfte. Ich lag gemeinsam mit meiner bosnisch-serbischen Freundin Nataša auf ihrem Sofa. Das Telefon klingelte und sie stellte den Ton vom Fernseher ab. Es begann ein längeres Telefonat auf serbokroatisch. Ich verstand weniger als nichts. Außer „Hrvatska – moia domovina“ war mir die Sprache nicht geläufig. „Kroatien – meine Heimat“ – ein Teller mit dieser Inschrift hing einmal über dem Ehebett der Eltern meines Freundes Toni in Split. Nach ein paar Tagen hatte ich mir den Text von Toni dann doch einmal übersetzen lassen. Während ich daran dachte wurde mein Kopf auf Natašas Schoß immer schwerer und die serbokroatischen Vokale und Konsonanten übertrugen sich in nicht erkennbarer Ordnung aber beruhigend auf meinen Körper und nach langer Zeit stellte sich dieses wohlige Gefühl wieder bei mir ein.

Nicht viele Monate später erlebte ich das gleiche noch einmal, als ich mich in Thailand massieren ließ und die zierliche Masseurin auf mir sitzend mit ihrer Kollegin nebenan ein lebhaftes Gespräch führte und dabei häufig kicherte.

Erst heute kam mir die Parallelität zu den Abenden im Riviera in den Sinn und ich beschloss, mir eine Frau zu suchen, die gelegentlich mit Freunden aus der Heimat telefoniert, während ich mich an sie kuschele. Italienerinnen oder Französinnen kommen dafür aber nicht in Frage, weil jeder verstehbare Sprachbrocken die innere Ruhe jäh unterbricht. Bleiben Frauen aus dem slawischen oder asiatischen Raum. Auch Skandinavierinnen wären unter diesen Gesichtspunkten prinzipiell brauchbar, doch empfinde ich den Klang der skandinavischen Sprachen eher als aufgedreht bis lächerlich.

Wenn ich sie gefunden habe, werde ich ihr diesen Text vorlegen. Sie wird dann verstehen, warum ich ihre Sprache niemals lernen darf.

 

Nataša
 
 
 
 
 
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